Mogli, Tarzan, Timon und Pumba – zwar stammen viele unserer früheren Kindheits-
helden aus unterschiedlichen Universen, gleichwohl eint sie ein und derselbe Wir-
kungsort: der Regenwald. Jene fantastische, sagenumwobene Kulisse ist heute mehr denn je bedroht. Die Zahl der zerstörten Regenwaldfläche wächst kontinuierlich. Meh-
rere Millionen Hektar Tropenwald verschwinden jedes Jahr. Die Verantwortung für das Waldsterben trägt vor allem ein Akteur: Der Mensch selbst. Ob nun für die Umwandlung in Viehweiden und Sojaplantagen oder für den Palmölanbau zur Lebensmittelproduktion – die Zerstörung schreitet unerbittlich voran. Wie können wir dieses Problem aufhalten? Mit dieser Frage setzte sich auch Sarina Albeck sehr lange auseinander. Nach ihrem Volontariat bei einem Motorsägenhersteller entschied sie sich dazu,
die Situation vor Ort mitzuerleben und nach Lösungsansätzen zu suchen. Dafür reiste sie auf die südostasiatische Insel Borneo. Die drittgrößte Insel der Welt ist aufgeteilt in drei Staaten: Indonesien, Malaysia und Brunei. Ein Großteil von Borneo besteht aus Regenwaldfläche, die jedoch sukzessive kleiner wird. Darunter leidet die Flora und Fauna. Auf Borneo leben aktuell noch über 200 Säugetierarten. Zum Vergleich: Deutschland kommt gerade einmal auf die Hälfte der genannten Zahl. Im Laufe ihrer
Reise hat Sarina viele Menschen kennengelernt. Durch den Kontakt mit den Einheimischen habe sich ihre Perspektive auf die Problematik der Entwaldung grundlegend
geändert, erzählte sie mir in einem persönlichen Gespräch. Ihre Eindrücke, Erlebnisse und Gedanken verschriftlichte Sarina schließlich in einem Buch. Zu welcher Erkenntnissie schlussendlich gekommen ist, erfahrt ihr in dem nachfolgenden Interview.

Wer bist du? Wie bist du auf Idee gekommen, ein Buch zu schreiben?

Mein Name ist, wie ihr ja bereits lesen konnte, Sarina Albeck. Ich habe einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund mit einem Fokus auf einer sprachwissenschaftlich-literarischen Ausbildung. Während meines Rhetorikstudiums an der Universität Tübingen habe ich mehrere Praktika gemacht. Am besten gefallen hat es mir in der Unternehmenskommunikation. Nach meinem Studium habe ich zunächst ein zweijähriges Volontariat bei einem schwäbischen Hersteller für Motorsägen gemacht. In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit dem Thema Corporate Social Responsibility beschäftigt. Eine Frage, mit der man sich als Motorsägenhersteller früher oder später auseinandersetzen muss, ist der Umgang mit dem Ökosystem Wald. Gerade in den tropischen Regenwäldern besteht schon seit vielen Jahren das Problem, das immer mehr Waldfläche für die landwirtschaftliche Nutzung allen voran für den Palmölabbau – abgeholzt wird. Die Natur leidet unter der sogenannten Entwaldung massiv.

Während meines Volontariats habe ich sehr viele Bücher zum Thema Entwaldun gelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Lücke zwischen der breiten öffentlichen Meinung und der Sichtweise der wissenschaftlichen Fachwelt sehr groß ist. Fest steht jedenfalls: Entwaldung ist ein Thema, das sehr erklärungsbedürftig ist.
Für mich hat sich herauskristallisiert, dass eine Lösung gefunden werden muss, die nicht nur dem Wald, sondern auch den dort lebenden Menschen weiterhilft. In diesem Zusammenhang bin ich auf den Begriff Agroforst gestoßen. Agroforst beschreibt die Idee, dass Ackerkultur und Gehölze – also Bäume und Sträucher – auf einer Fläche miteinander kombiniert werden. Ziel dabei ist es, Biodiversität in Landstriche zu bringen. Gleichzeitig sollen die Agroforstsysteme ihren Besitzern eine nachhaltige Acker- und Holzwirtschaft ermöglichen. Die Organisation „Fairven-
tures Worldwide“ fördert jenen Ansatz, indem sie die Wiederaufforstung degradierter Landflächen und den Erhalt artenreicher Wälder, in wirtschaftlich nachhaltigen Systemen, unterstützt. Mit der Hilfe von „Fairventures“ war es mir möglich, für eineinhalb Monate nach Borneo zu reisen und mir die Lage vor Ort anzuschauen.
Mit meinem Buch möchte ich den Themenkomplex Entwaldung am Beispiel der Geschichten von verschiedenen Menschen erzählen – am Beispiel von Menschen aus Borneo, von Menschen aus Deutschland, aber natürlich auch am Beispiel von mir. Wie vermutlich die meisten, bin ich nämlich keine Forstwissenschaftlerin, sondern auch nur eine interessierte Person, die sich wahrscheinlich dieselben Fragen stellt, wie andere auch.

Warum hast du dich dafür entschieden, nach Borneo zu reisen?

In meinen Augen steht Borneo exemplarisch für viele Orte auf der Welt, die mit dem Problem der Entwaldung des Regenwaldes zu kämpfen haben. Die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt von Borneo ist durch die Entwaldung stark bedroht. Viele Organisationen und Kampagnen veranschaulichen dieses Problem am Beispiel des Orang-Utans.

Orang-Utans sind Säugetiere – soll heißen: Sie vermehren sich nicht sehr schnell. Eine Orang-Utan Mutter kümmert sich bis zu acht Jahre um ihr Kind. Aufgrund des sehr langsamen Fortpflanzungsprozesses bringen Orang-Uran Weibchen meist nur zwei bis drei Jungtiere zur Welt. Darüber hinaus benötigen die Männchen sehr viel Fläche, um ihre Dominanz zum Ausdruck zu bringen. Zwar gibt es noch Regenwälder auf Borneo, diese sind jedoch zunehmend „isoliert“. Was heißt das? Durch die Entwaldung ist ein Großteil der Regenwaldfläche nicht mehr zusammenhängend. Folglich ist der Genpool der Tiere sehr klein. Die Population der Orang-Utans schrumpft immer weiter. Inzwischen stehen sie sogar auf der roten Liste gefährdeter Tierarten. Die Jagd auf ihr Fleisch verschlimmert die Situation zusätzlich. Viele der Orang-Utans, die versehentlich auf einer der zahlreichen bornesischen Palmölplantagen gelangen, werden erschossen oder finden nicht mehr den Weg in ihr ursprüngliches Gebiet zurück.


Der Begriff „Orang-Utan“ stammt aus dem malaiischen und bedeutet übersetzt „Waldmensch“. Viele der Einheimischen auf Borneo haben mir den Namen „Orang-German“ verliehen. Dadurch ist mir noch einmal bewusst geworden, wie eng die Verbindung der Menschen zu den Tieren ist.

Abbildung 1 Der Regenwald und seine Flora und Fauna müssen geschützt werden. Die Blätter dieser Pflanze funk-
tionieren wie Seife. So werden die Hände wieder sauber, ohne Wasser zu benötigen. Quelle: Sarina Albeck u. Fair-
ventures Worldwide FVW gGmbH.

Welches Erlebnis hat dich im Rahmen deines Aufenthalts am meisten beeindruckt?

Eine der wohl beeindruckendsten Erfahrungen, die ich während meiner Reise auf Borneo gesammelt habe, war die Fahrt durch ein entwaldetes, niedergebranntes Gebiet, in dem sich frische Ölpalmsetzlinge befanden. In diesen Regionen hat man besonders gut die unmittelbaren Folgen der Brandrodung gesehen: Die verkohlten Stümpfe der niedergebrannten Bäume sowie die aschebedeckte Erde bildeten einen starken Kontrast zu dem facettenreichen, farbkräftigen Bild, das wir mit dem südostasiatischen Regenwald in Verbindung bringen.

Ebenfalls hat es mich fasziniert zu sehen, wie unglaublich schnell Pflanzen und Sträucher im Regenwald wachsen. Im Rahmen meiner Reise habe ich einen Bauern besucht, der erst vor wenigen Wochen sein Feld von Unkraut befreit hatte. Die Vegetation war bei meiner Ankunft jedoch bereits schon wieder so dicht, dass ich große Probleme damit hatte, mich zwischen den neu gepflanzten Baumsetzlingen zu bewegen.

Wie kann das Problem der Entwaldung langfristig gelöst werden?

Eine „gute“ Lösung gibt es meiner Meinung nach nicht, nur pragmatische Ansätze. Funktionieren können jene Ansätze nur, wenn man neben der Natur auch an die Menschen denkt, die dort leben. Denn auf den Wald drücken verschiedene Bedürfnisse und Bedarfe. So sind viele Einwohner von Borneo auf den Regenwald als finanzielle Quelle angewiesen, um ihre Familien zu ernähren. Der Verkauf von Landfläche zur Palmölproduktion stellt kurzfristig oftmals die einzig lukrative Option dar, dieses Ziel zu erreichen. Die Schwierigkeit beim Palmölanbau ist nun folgende: Erst durch den Einsatz von Dünge- und Unkrautvernichtungsmitteln steigt der Ertrag der Palmölpflanze merklich an. Nahezu alle Palmölpflanzen befinden sich auf brandgerodetem Regenwaldgebiet, da die Böden dort besonders nährstoffreich sind. Das ist förderlich für das Wachstum der Palmölpflanze. Bei den Brandrodungen werden allerdings große Mengen an klimaschädlichem CO2 freigesetzt, die zuvor noch in der Urwaldvegetation sowie in den Böden eingespeichert waren.

Doch nicht nur die Menschen auf Borneo sind auf den Regenwald angewiesen,auch wir hier in Deutschland und im Rest der Welt treiben die Entwaldung maßgeblich voran: Indem wir unsere Autos mit Biokraftstoff betanken oder beim Kauf bestimmter Lebensmittel. Ein beachtlicher Anteil an Produkten, die man heute im Supermarkt erwerben kann, beinhaltet Palmöl – beispielsweise Margarine oder Tütensuppen. Und das hat einen einfachen Grund: Anders als andere Pflanzenöle, muss Palmöl nicht gehärtet werden. Dadurch ist es in der Herstellung so günstig.

Die Bedeutung des Regenwaldes für die Weltgemeinschaft kann insgesamt gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn wie ich schon angedeutet habe, nehmen Bäume – insbesondere diejenigen in der Wachstumsphase – sehr viel CO2 aus der Atmosphäre auf. Der Regenwald ist somit ein ausgesprochen wichtiger Faktor für unser Weltklima.

Welche Möglichkeiten gibt es nun, den Regenwald und seine Ressourcen zu schonen, ohne dabei die Menschen auf Borneo vergessen? Die Organisation „Fairventures Worldwide“ fördert den Holzbau mit Sengon. Sengon zählt zu den sogenannten Pionierpflanzen. Diese besitzen die Fähigkeit, auf vegetationslosem Boden zu wachsen und diesen mit wertvollen Nährstoffen anzureichern. Nach einer bestimmten Zeit lassen sich zwischen den Sengonbäumen wieder Lebensmittel anbauen, die den Bauern das Überleben sichern. Als Leichtholz besitzt der Sengon zudem den Vorteil, dass er enorm schnell wächst. Dadurch kann dieser den um-
liegenden Pflanzen Schatten spenden, was wiederum deren Wachstum vorantreibt. So entstehen artenreiche Wälder

Welchen finanziellen Nutzen bringt dieser Ansatz – rein utilitaristisch formuliert nun den Einheimischen von Borneo? Produkte aus Holz sind in der Regel ausgesprochen nachhaltig und klimafreundlich – Stichwort: CO2.-Speicher. Pflanzt man abseits des Sengons weitere Baumarten auf einer bestimmten Fläche an, kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten Holz geerntet werden. Darüber hinaus stellt der bereits genannte Anbau von Lebensmitteln ein jährliches Einkommen sicher. Ergo wird langfristig ein ökologisch-ökonomischer Wertschöpfungsprozess geschaffen, der den Regenwald entlastet und seine Zerstörung minimiert.

Abbildung 2 Während ihrer Reise hat Sarina sehr viel mit den Einheimischen sprechen können und neue Perspek-
tiven auf das Thema Entwaldung erhalten. Hier ist sie auf einer Palmölplantage unterwegs. Quelle: Sarina Albeck
u. Fairventures Worldwide FVW gGmbH.

Welche zentralen Erkenntnisse hast du von deiner Reise nach Borneo mitnehmen können?

In meinen Augen ist es nicht möglich, einer bestimmten Gruppe die Schuld für die Entwaldung des Regenwaldes zu geben. Das in den Medien oftmals skizzierte Bild kapitalistisch und egoistisch handelnder Unternehmen, die den Palmölanbau schonungslos vorantreiben, bildet nur einen Teil der Realität ab. Die Verantwortung für die Zustände im bornesischen Regenwald verteilt sich jedoch auf mehrere Schultern – nicht zuletzt auch auf unsere. Zweifelsohne gibt es Menschen auf Borneo, die ihr Land durch Landgrabbing verloren haben und jene, die mehr oder weniger dazu gezwungen wurden, zu verkaufen. Andererseits habe ich auf meiner Reise aber auch Kleinbauern kennengelernt, die selbst entschieden haben, ihr
Land zu veräußern. Was ich damit eigentlich sagen möchte: Es gibt kein Gut und Böse, so wie wir uns das hier vielleicht wünschen würden. Die Grenzen zwischen den beiden Polen verschwimmen oftmals. Ich halte es auch nicht für den richtigen Lösungsansatz, Produkte zu boykottieren, die Palmöl beinhalten. Alternative Rohstoffe benötigen wesentlich mehr Fläche als die Palmölpflanze. Die Vorteilhaftigkeit eines solchen Boykotts ist also mehr als fraglich.

Wie können wir nun die Entwaldung des Regenwaldes aufhalten, wenn der Verzicht auf palmölhaltige Produkte – deinen Darstellungen zufolge – nicht der richtige Lösungsweg ist?

Zunächst einmal halte ich Agroforstsysteme für sehr sinnvoll. Sicherlich sind sie kein gleichwertiger Ersatz für jahrhundertealte Regenwaldfläche. Allerdings stellen Agroforstsysteme eine Alternative für die dort sesshaften Menschen dar, Einkommen zu erwirtschaften. So wird Druck vom Regenwald genommen und für die Natur ist ein Agroforstsystem allemal besser, als degradierte Flächen. Wie ich bereits mehrfach betont habe, richtet sich unser Blick bei diesem Thema oftmals ausschließlich auf die Natur. Das ist allerdings nur bedingt zielführend. Es ist wichtig eine Lösung zu finden, die der Umwelt, aber auch den Menschen weiterhilft. Welchen Beitrag können wir nun also leisten, um der Entwaldung des Regenwaldes entgegenzuwirken? So einfach es zunächst klingen mag: Weniger konsumieren. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Geld an Organisationen zu spenden, die einen ökologisch ganzheitlichen Ansatz verfolgen.

Gerne könnt ihr Sarinas Buchprojekt unterstützen, indem ihr euch ein signiertes
Exemplar vorbestellt. Sarina ist euch sehr dankbar für jegliche Form des Supports!
URL: https://www.oekom-crowd.de/projekte/baeume-fuer-borneo/